Listerienbelastete Wurst: foodwatch kritisiert katastrophale Informationspolitik von Landkreis und Wurstproduzent Wilke

Verbraucherorganisation fordert Information ├╝ber Verkaufsstellen und Produktliste – Warnungen von Unternehmen und Landkreis nicht ausreichend – Landkreis war 2018 im Bereich der Lebensmittelkontrollen massiv unterbesetzt

Berlin, 4. Oktober 2019. Die Verbraucherorganisation foodwatch hat dem Landkreis Waldeck-Frankenberg und dem Wurstproduzenten Wilke schwere Vers├Ąumnisse bei der Informationspolitik im Zusammenhang mit dem R├╝ckruf potenziell keimbelasteter Wurst vorgeworfen. Es sei inakzeptabel, dass noch immer keinerlei Angaben zu den Verkaufsstellen der zur├╝ckgerufenen Produkte gemacht wurden. Auch gebe es bislang keine Liste der betroffenen Produkte.

Den offiziellen R├╝ckrufangaben zufolge wurden Wilke-Produkte beispielsweise auch als lose Ware in Wursttheken verkauft. Zudem produzierte Wilke offenbar auch f├╝r Handelsmarken. So best├Ątigte das Personal in einem Berliner Metro-Markt gegen├╝ber foodwatch, dass Wilke auch der Hersteller einiger Produkte sei, die der Gro├čh├Ąndler unter seiner Eigenmarke Aro vertreibt. Unklar ist, ob auch andere, von Wilke selbst vertriebene Marken betroffen sind. Aus Sicht von foodwatch reicht es daher nicht aus, ausschlie├člich Wilke als Hersteller der zur├╝ckgerufenen Produkte sowie das Identit├Ątskennzeichen zu benennen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher k├Ânnten die Herkunft der Produkte nicht sicher nachvollziehen, kritisierte foodwatch.

„Die Beh├Ârden m├╝ssen alles daf├╝r tun, um die Menschen rechtzeitig vor dem Verzehr potenziell gef├Ąhrlicher Lebensmittel zu warnen – genau das haben der Landkreis und das Unternehmen vers├Ąumt. Die Menschen werden im Stich gelassen. Auch wenn es um Salami geht, eine Salami-Taktik bei der ├Âffentlichen Information ist hier v├Âllig fehl am Platz“, kritisierte foodwatch-Gesch├Ąftsf├╝hrer Martin R├╝cker. „Alle bekannten Verkaufsstellen und die Namen der betroffenen Produkte auch von Handelsmarken m├╝ssen unverz├╝glich ├Âffentlich genannt werden.“ foodwatch rief die Handelsunternehmen dazu auf, bekannt zu geben, ob sie Wilke-Produkte unter eigenen Marken verkauft haben. Der zust├Ąndige Landkreis m├╝sse zudem transparent machen, ob und wann die Verkaufs- und Ausgabestellen von Wilke-Produkten direkt kontaktiert worden sind.

foodwatch kritisierte dar├╝ber hinaus weitere Vers├Ąumnisse in der Information ├╝ber den R├╝ckruf:

– Auf der Internetseite von Wilke konnten wir bislang keinerlei Information ├╝ber den R├╝ckruf und die Verzehrwarnung finden.
– Die offizielle R├╝ckrufinformation wurde erst deutlich nach der Betriebsschlie├čung auf dem offiziellen Beh├Ârdenportal lebensmittelwarnung.de verbreitet worden – dadurch ging unn├Âtig Zeit verloren, in der Menschen bereits vor dem Verzehr h├Ątten gewarnt werden k├Ânnen.

– Auf seiner facebook-Seite informierte der Landkreis zwar dar├╝ber, dass am Donnerstag „Tag der deutschen Einheit war“ – eine Verzehrwarnung und R├╝ckrufinformation zu den Wilke-Produkten konnte foodwatch dort jedoch bis Freitagvormittag nicht finden.
– Der Landkreis hatte auf der Startseite seines Internetauftritts zun├Ąchst nur den Hinweis darauf publiziert, dass die „Produktion der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren stillgelegt“ wurde – eine Warnung der Verbraucherinnen und Verbraucher ist dem kurzen Text auf der Homepage nicht zu entnehmen.

– Erst die darunter verlinkte Presseerkl├Ąrung weist auf einer Unterseite auf eine potenzielle Gef├Ąhrdung hin – es werde „empfohlen, ggf. noch im Haushalt vorhandene Produkte der Firma Wilke nicht zu verzehren, sondern vorsorglich zu entsorgen“. Aus Sicht von foodwatch w├Ąre hier eine deutliche Warnung statt einer weichen Empfehlung angebracht gewesen – zudem sollten Betroffene keinesfalls dem Aufruf folgen, m├Âgliche Beweismittel zu entsorgen.

Der Landkreis und das hessische Umweltministerium m├╝ssten laut foodwatch umgehend ├╝ber die Abl├Ąufe vor der Betriebsschlie├čung aufkl├Ąren. Wer hatte zu welchem Zeitpunkt welche Information? Wann wurden an welcher Stelle Proben genommen und Listerien nachgewiesen? Wie wurde darauf reagiert? An beide Stellen hat foodwatch bereits am Freitag erste Fragen geschickt und erwartet hieraufbis sp├Ątestens Montag Antwort.

In einem Interview mit der Hessenschau des HR-Fernsehens am 2. Oktober 2019 erweckte der zust├Ąndige Dezernent des Landkreises Friedrich Sch├Ąfer den Eindruck, als liege das gr├Â├čte Problem in der Schlie├čung eines Unternehmens, in dem „Freunde und Bekannte arbeiten“ und nicht in den schweren gesundheitlichen Folgen, mit dem der Verzehr von Wilke-Produkten in Verbindung gebracht werden. Aus Sicht von foodwatch sind die Aussagen Sch├Ąfers – der im Landkreis „Dezernent f├╝r Verbraucherschutz und Direktvermarktung“ ist – musterg├╝ltiges Argument daf├╝r, die Lebensmittel├╝berwachung nicht mehr auf kommunaler Ebene zu organisieren. Gesch├Ąftsf├╝hrer Martin R├╝cker: „Es kann nicht gut sein, wenn ein und dieselbe Beh├Ârde f├╝r Lebensmittelkontrollen und f├╝r die lokale Wirtschaftsf├Ârderung zust├Ąndig ist – diesen Interessenkonflikt m├╝ssen wir aufl├Âsen, indem die Bundesl├Ąnder die Kontrollt├Ątigkeit an sich ziehen und auf Landesebene organisieren.“

foodwatch bem├Ąngelte, dass dem Verbraucherschutz im Landkreis Waldeck-Frankenberg in der Vergangenheit kein gro├čer Stellenwert beigemessen wurde. Das Veterin├Ąramt ist nach Auffassung der Verbraucherorganisation eklatant unterbesetzt. Im Jahr 2018 kamen nach Angaben des Landkreises gegen├╝ber foodwatch gerade einmal 3,15 Stellen f├╝r Lebensmittelkontrolleure auf ann├Ąhernd 3.000 zu kontrollierende Betriebe. Bei den Betriebskontrollen verstie├č der Landkreis massiv gegen die Vorgaben: 2018 f├╝hrte er nur etwa die H├Ąlfte der vorgeschriebenen planm├Ą├čigen Betriebskontrollen durch. „Das ist politisches Versagen – ob dies auch im Fall Wilke eine Rolle gespielt hat, wird zu pr├╝fen sein“, so foodwatch-Gesch├Ąftsf├╝hrer Martin R├╝cker.

Quelle: foodwatch e.V.
Internet: www.foodwatch.de


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