foodwatch: NiedersĂ€chsische Behörden und Hersteller verschleierten Gesundheitsrisiken bei LebensmittelrĂŒckruf

Fleischhersteller rief keimbelastete HĂ€hnchensnacks zurĂŒck, ohne vor Gesundheitsrisiken zu warnen – NiedersĂ€chsische Behörden duldeten lĂŒckenhafte Information der Öffentlichkeit  – foodwatch sucht Verbraucher, die nach Verzehr der betroffenen Snacks von Böklunder, Gutfried & Co. gesundheitliche Probleme hatten 

Die Verbraucherorganisation foodwatch hat niedersĂ€chsischen Behörden schwere Fehler bei der Informationspolitik zu einem LebensmittelrĂŒckruf vorgeworfen. Warnungen vor möglichen Gesundheitsrisiken von potenziell keimbelasteten HĂ€hnchensnacks seien unterschlagen worden. Gegen die Leiterin des zustĂ€ndigen VeterinĂ€ramts der Stadt Delmenhorst reichte foodwatch jetzt eine Dienst- und Fachaufsichtsbeschwerde ein. Durch die VersĂ€umnisse der Behörde sei „fahrlĂ€ssig die Möglichkeit schwerwiegender Erkrankungen von Verbraucherinnen und Verbrauchern in Kauf genommen“ worden, heißt es in dem an den OberbĂŒrgermeister Delmenhorsts, Axel Jahnz sowie an Niedersachsens Verbraucherschutzministerin Barbara Otte-Kinast gerichteten Beschwerdetext.

Der Fleisch- und Wursthersteller Zur MĂŒhlen hatte am 29.12.2017 mehrere HĂ€hnchenfleischprodukte zurĂŒckgerufen. Grund: die mögliche Belastung mit Listerien – eine Bakterienart, die insbesondere bei Schwangeren, SĂ€uglingen sowie immungeschwĂ€chten Menschen eine seltene, oft schwer verlaufende Infektionskrankheit (Listeriose) auslösen und in EinzelfĂ€llen den Tod zur Folge haben kann. Der Hersteller ging in seiner Pressemitteilung jedoch weder auf mögliche Krankheitssymptome noch auf die Gesundheitsrisiken ein, sondern bat die Menschen lediglich, die Produkte nicht zu verzehren. Das VeterinĂ€ramt der Stadt Delmenhorst als zustĂ€ndige Kontrollbehörde verzichtete darauf, eine vollstĂ€ndige Information der Verbraucherinnen und Verbraucher durch das Unternehmen anzuordnen. Folglich wurden auch in Medienberichten keine gesundheitlichen Risiken benannt.

„Per Gesetz sind Unternehmen dazu verpflichtet, im Falle eines RĂŒckrufs genau und effektiv zu informieren. Das Unternehmen hat seine Pflicht entgegen der guten fachlichen Praxis strĂ€flich vernachlĂ€ssigt, weil die Kontrollbehörde es zuließ und nicht mit einer Anordnung nachhalf. Ein RĂŒckruf aufgrund von gefĂ€hrlichen Keimen, ohne dass die Menschen auch nur ein einziges Wort ĂŒber die Gesundheitsrisiken erfahren – das ist verantwortungslos“, sagte foodwatch-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Martin RĂŒcker. „Es macht einen Riesen-Unterschied, ob ein RĂŒckruf mit einer deutlichen Gesundheitswarnung verbunden ist oder nicht. Wenn eine Behörde eine so lĂŒckenhafte Information einfach durchwinkt, setzt sie die Gesundheit von Menschen aufs Spiel.“ foodwatch forderte Ministerin Barbara Otte-Kinast auf sicherzustellen, dass bei LebensmittelrĂŒckrufen „eine angemessen Information der Verbraucherinnen und Verbraucher auch ĂŒber gesundheitliche Risiken“ ergehe. Notfalls mĂŒssten die Behörden dies anordnen.

Zumindest auf der staatlichen Internetseite lebensmittelwarnung.de – die bei Verbraucherinnen und Verbrauchern allerdings kaum bekannt ist und deshalb fĂŒr die Verbreitung einer RĂŒckrufinformation bisher eine eher untergeordnete Bedeutung hat – wollte das VeterinĂ€ramt der Stadt Delmenhorst dann doch noch einen Hinweis auf die Gesundheitsrisiken veröffentlichen. Doch auch dazu kam es nicht. Denn zustĂ€ndig fĂŒr die Einstellung der Informationen auf dem Portal ist nicht Delmenhorst, sondern das NiedersĂ€chsische Landesamt fĂŒr Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) – und dieses versĂ€umte nach eigenen Angaben gegenĂŒber foodwatch die Einstellung dieses Hinweises.

foodwatch: Betroffene können sich bei Verbraucherorganisation melden

Betroffen von dem RĂŒckruf waren verzehrfertige Chicken-Wings, HĂ€hnchensteaks, und HĂ€hnchenbrustfiletstĂŒcke der Marken GĂŒldenhof, Böklunder, Gutfried, Penny to go, Redlefsen und Snacktime, die in großen Supermarktketten verkauft wurden. foodwatch rief Verbraucherinnen und Verbraucher, die die belasteten Produkte verzehrt haben und sich danach Ă€rztlich behandeln lassen mussten, auf, sich bei der Verbraucherorganisation zu melden (per E-Mail an info@foodwatch.de).

In Deutschland werden jede Woche im Schnitt etwa drei Lebensmittel zurĂŒckgerufen. Im Jahr 2017 warnten die Behörden in Deutschland auf dem staatlichen Internetportal www.lebensmittelwarnung.de 161 Mal vor Lebensmitteln – rund zehn Prozent hĂ€ufiger als im Jahr 2016. Vor fĂŒnf Jahren war die Zahl der Meldungen lediglich halb so hoch. Der aktuelle Fall um die HĂ€hnchenfleischprodukte ist laut foodwatch keine Ausnahme. Gesundheitliche Risiken von Lebensmitteln, die zum Beispiel mit Bakterien belastet sind oder Fremdkörper enthalten, wĂŒrden von Herstellern und Behörden immer wieder verharmlost, so das Ergebnis eines Reports, den die Verbraucherorganisation im vergangenen Jahr veröffentlichte.

Link und Verbraucherhinweis:

E-Mail-Aktion von foodwatch zu LebensmittelrĂŒckrufen: www.warn-mich.foodwatch.de

zum betroffenen RĂŒckruf >

Von dem RĂŒckruf betroffene Verbraucherinnen und Verbraucher können foodwatch unter info@foodwatch.de kontaktieren

 

Quelle: foodwatch e.V.
Internet: www.foodwatch.de

Bild: pixabay.com / CC0

 


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