foodwatch: Beh├Ârde vertuschte schwere Hygienem├Ąngel in T├Ânnies-Wurstfabrik

foodwatch wirft bayerischer Staatsregierung massive Vers├Ąumnisse vor – Bundesministerin Julia Kl├Âckner muss Transparenz ├╝ber Lebensmittelkontrollen schaffen

Bisher unver├Âffentlichte Kontrollberichte zeigen ekelerregende Zust├Ąnde in Wurstfabrik┬á– Beh├Ârde verh├Ąngte keine Bu├čgelder und informierte nicht die ├ľffentlichkeit – foodwatch: Bayern hat aus M├╝ller-Brot-Skandal nichts gelernt

Schmutzpartikel in der Wei├čwurstlake, verdreckte Maschinen, Pf├╝tzen mit stinkendem Wasser: In einer bayerischen Wurstfabrik des gr├Â├čten deutschen Fleischkonzerns T├Ânnies herrschten ├╝ber Monate hinweg ekelerregende Zust├Ąnde. Obwohl die zust├Ąndige Kontrollbeh├Ârde Bescheid wusste, informierte sie die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht ├╝ber die Hygienem├Ąngel.┬á

Die Verbraucherorganisation foodwatch stellte am Donnerstag bisher unver├Âffentlichte amtliche Kontrollberichte online, die zeigen: Lebensmittelkontrolleure beanstandeten bei der „Landsberger Wurstspezialit├Ąten GmbH“ in Oberbayern bei insgesamt 41 ├ťberpr├╝fungen zwischen Oktober 2017 und Februar 2018 immer wieder Verst├Â├če gegen Hygienevorschriften. In den Kontrollberichten ist zudem mehrfach von Darmbakterien an Maschinen die Rede. Das Unternehmen widerspricht in einer Stellungnahme dieser Darstellung.┬á

Trotz der zum Teil eklatanten M├Ąngel verh├Ąngte das zust├Ąndige Landratsamt in Landsberg am Lech keine Bu├čgelder und informierte die ├ľffentlichkeit nicht ├╝ber die Zust├Ąnde in der Wurstfabrik. foodwatch warf der bayerischen Landesregierung massive Vers├Ąumnisse bei der Durchsetzung von Hygienevorschriften in der Lebensmittelwirtschaft vor.

„Markus S├Âder hat offenbar nichts aus Hygieneskandalen wie M├╝ller-Brot gelernt“, kritisierte Johannes Heeg von foodwatch. Er verwies auf die Rolle des heutigen bayerischen Ministerpr├Ąsidenten als Gesundheitsminister w├Ąhrend des M├╝ller-Brot-Falls: Die Gro├čb├Ąckerei hatte bis 2012 jahrelang Millionen von Backwaren an Verbraucherinnen und Verbraucher verkauft, obwohl die Beh├Ârden von den miserablen hygienischen Zust├Ąnden in der Fabrik wussten. Nun seien den Menschen erneut ├╝ber Monate hinweg Lebensmittel aus Ekelproduktion untergejubelt worden – mit dem Wissen einer Kontrollbeh├Ârde, kritisierte foodwatch.┬á„Der Fall Landsberger zeigt: Wenn die Ergebnisse von Hygienekontrollen nicht ver├Âffentlicht werden m├╝ssen, haben Ekelbetriebe nichts zu bef├╝rchten. Nur Transparenz ├╝ber die Kontrollen schafft Abschreckung“, erkl├Ąrte Johannes Heeg. Er forderte Bundesern├Ąhrungsministerin Julia Kl├Âckner auf, ein Transparenzsystem einzuf├╝hren, das Beh├Ârden dazu verpflichtet, alle Lebensmittelkontrollergebnisse unverz├╝glich ├Âffentlich zu machen.┬á

Herr S├Âder m├╝sse sich als Ministerpr├Ąsident f├╝r ein solches Gesetz stark machen, um den wiederkehrenden Hygieneskandalen in Bayern endlich ein Ende zu bereiten. Unter seiner Verantwortung als Fachminister hatte der Freistaat in der Verbraucherschutzministerkonferenz 2011 als einziges Bundesland gegen eine Ver├Âffentlichung von Hygienekontrollergebnissen gestimmt.┬á„Markus S├Âders Blockadehaltung gegen ein Transparenzsystem ist mitverantwortlich daf├╝r, dass Hygieneskandale in Bayern immer wieder vorkommen. Er predigt Recht und Ordnung, dr├╝ckt aber bei Verst├Â├čen gegen Hygienevorgaben beide Augen zu. Der bayerische Ministerpr├Ąsident darf nicht l├Ąnger als Schutzpatron der Schmuddelbetriebe agieren, sondern muss sich f├╝r die Ver├Âffentlichung aller Kontrollergebnisse stark machen“, sagte Johannes Heeg von foodwatch.┬á

Der ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, Martin M├╝ller, stufte die Hygieneverst├Â├če in der T├Ânnies-Wurstfabrik als gravierend ein und sprach nicht nur von einem Betriebs-, sondern auch von einem Beh├Ârdenversagen:┬á„Es ist v├Âllig unverst├Ąndlich, warum das Landratsamt Landsberg noch nicht einmal Bu├čgelder verh├Ąngte und den Betrieb einfach monatelang weiter laufen lie├č. Bei dem Ausma├č der in den Kontrollberichten festgehaltenen Hygienem├Ąngel h├Ątten zumindest die beanstandeten Maschinen zwecks Reinigung und Desinfektion stillgelegt werden m├╝ssen.“

Beh├Ârden sind nicht verpflichtet, alle Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen ├Âffentlich zu machen. Aktuell wird auf Bundesebene dar├╝ber gestritten, welche Informationen Beh├Ârden ver├Âffentlichen m├╝ssen. Doch auch mit dem von Bundesern├Ąhrungsministerin Julia Kl├Âckner k├╝rzlich vorgelegten Gesetzentwurf w├Ąren die Ekelzust├Ąnde bei Landsberger nicht ans Licht gekommen, da der Vorschlag die weitreichenden Ermessensspielr├Ąume der Beh├Ârden aufrechterh├Ąlt. Das Bundesverfassungsgericht hatte im M├Ąrz 2018 in einem Urteil ausdr├╝cklich die Informationsrechte von Verbraucherinnen und Verbrauchern gest├Ąrkt und ihnen verfassungsrechtliche Bedeutung beigemessen. Diese Grundsatzentscheidung werde aber von der Bundesregierung missachtet, so foodwatch.┬á

Vorbild f├╝r Deutschland m├╝sse das erfolgreiche Smiley-System aus D├Ąnemark sein. Dort sind Lebensmittelbetriebe seit 2002 verpflichtet, die Kontrollergebnisse mithilfe eines Smiley-Schemas an der Eingangst├╝r auszuh├Ąngen und im Internet zu ver├Âffentlichen. Die Zahl der Beanstandungen ist seitdem deutlich zur├╝ckgegangen.

foodwatch hatte die Kontrollberichte aus der T├Ânnies-Wurstfabrik ├╝ber einen Antrag nach dem Verbraucherinformationsgesetz (VIG) erhalten. Die amtlichen Unterlagen dokumentieren ├╝ber Monate hinweg immer wieder Verst├Â├če gegen Hygienevorgaben. In den Berichten f├╝hren die Amtskontrolleure beispielsweise aus, dass in einem Bereich des Betriebs „die ├╝bliche stinkende Pf├╝tze stand“, „Schinken in altverschmutzte, verkalkte Pressen verbracht“ wurde und sich in einem Raum „Grobschmutz am Boden und hinter den W├Ągen an der Wand“ befand. Auch ein sogenannter P├Âkelinjektor, mit dem P├Âkel-Lake direkt ins Fleisch gespritzt wird, war laut Pr├╝fbericht wiederholt verunreinigt – nach Einsch├Ątzung von Lebensmittelkontrolleur Martin M├╝ller hygienisch besonders sensibel, denn so k├Ânnten Keime direkt ins Fleisch gelangen. Zudem seien Enterobacter-Bakterien im Verpackungsbereich als besonders gravierend einzustufen. Enterobacter ist ein Darmbakterium, das beim Menschen Infektionen ausl├Âsen kann. In einer Stellungnahme bestreitet das Unternehmen die im Kontrollbericht beschriebenen Funde von Enterobacter und spricht von einem „guten mikrobiologischen Status in der Verpackungsabteilung“.

Noch in einem Kontrollbericht von Februar 2018 vermerkte der zust├Ąndige Kontrolleur „schwere Fehler in der Handhabung der Basishygiene“. In einer Stellungnahme gegen├╝ber foodwatch gab das Landratsamt Landsberg am Lech hingegen an, bei den Hygienem├Ąngeln handele es sich „nicht um gravierende, sondern in der Regel lediglich um geringf├╝gige Verst├Â├če“, die „in der Regel unmittelbar durch den Betrieb abgestellt wurden“.┬á

Die Kontrolle der „Landsberger Wurstspezialit├Ąten“ sollte eigentlich in den Zust├Ąndigkeitsbereich der neu errichteten „Bayerischen Kontrollbeh├Ârde f├╝r Lebensmittelsicherheit und Veterin├Ąrwesen“ (KBLV) fallen. Die KBLV ist seit Januar 2018 f├╝r rund 600 Lebensmittelbetriebe in Bayern zust├Ąndig, die zuvor der Kontrolle der Landrats├Ąmter unterlagen. Die „Landsberger Wurstspezialit├Ąten“ haben jedoch gegen den von der KBLV erlassenen Zust├Ąndigkeitsbescheid Klage erhoben – und werden deshalb weiterhin vom Landratsamt Landsberg kontrolliert.┬á„Das setzt dem Ekel-Skandal die Krone auf: Erst redet das zust├Ąndige Landratsamt die Hygieneprobleme klein. Und dann verhindert das betroffene Unternehmen, dass eine andere, wom├Âglich strengere Beh├Ârde die Kontrollen ├╝bernimmt. Will sich hier ein Schmuddelbetrieb seine Kontrolleure selbst aussuchen?“, so Johannes Heeg.┬á

Die Firma „Landsberger Wurstspezialit├Ąten“ ist ein Unternehmen der Zur M├╝hlen Gruppe, die wiederum zur T├Ânnies-Gruppe geh├Ârt. Die Firma hat am 1. Oktober 2017 die laufenden Gesch├Ąfte der zuvor insolvent gegangenen Firma „Lutz Fleischwaren“ ├╝bernommen, ohne die Produktion zu unterbrechen. Mitte Oktober stellte das Landratsamt Landsberg Altverschmutzungen fest. ├ťber den aktuellen Hygienezustand bei Landsberger liegen foodwatch keine Informationen vor.

Hintergrund

Quellen und weiterführende Informationen: 
– Das haben die Kontrolleure bei den „Landsberger Wurstspezialit├Ąten“ bem├Ąngelt:┬áhttps://tinyurl.com/kontrollberichte┬á
– Ausgew├Ąhlte Fotos der Hygiene-M├Ąngel zum Download (Quelle: Landratsamt Landsberg am Lech):┬áhttps://tinyurl.com/fotos-landsberger┬á
– Stellungnahme Landratsamt Landsberg inkl. aller vom Landratsamt ├╝bermittelten Fotos:┬áhttp://t1p.de/i5b1┬á
– foodwatch-Schriftwechsel mit dem Verwaltungsgericht M├╝nchen:┬áhttp://t1p.de/x6ij┬á
– Mehr Informationen zum d├Ąnischen „Smiley-System“:┬áwww.foodwatch.de/smiley┬á
– foodwatch-Stellungnahme zur geplanten Reform des Transparenz-Gesetzes ┬ž40:┬áhttps://tinyurl.com/stellungnahme-lfgb

 

Quelle: foodwatch e.V.
Internet: www.foodwatch.de

 


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